Seit ich denken kann, bin ich hier am östlichen Ufer des Ammersees, südlich von Herrsching, in einem schönen Fleck Erde, genannt Wartaweil, verwurzelt. Jetzt, da die Herbststürme an meinen Ästen zerren, schweifen meine Gedanken ab und zu in die Zeit des Sommers zurück. Viele schöne Erinnerungen fließen durch meine Borke. Von einer möchte ich euch erzählen.
An einem warmen, sonnigen Freitag im Juli kamen Leute angefahren und parkten ihre Blechkisten im Schatten unserer Wipfel. Nachdem sie ihre fahrbaren Untersätze entladen hatten, fingen sie an, ihre Stoffhäuser unter unserem Laubdach aufzubauen. Es war lustig anzuschauen, wie sie sich dabei anstellten. Im Laufe des frühen Abends wurden es immer mehr. Wir kamen mit dem Zählen kaum nach, aber es waren bestimmt um die 60 Leute. Uns fiel auf, dass wir fast nur Männer und Kinder sahen.
Nachdem alle ihren Unterschlupf für die Nacht hergerichtet hatten, verschwanden sie in dem großen Haus auf unserem Gelände. Was sie dort genau machten, entzog sich unseren Blätteraugen, aber manche von uns konnten ihre Äste weit ausstrecken und einen Blick auf die Veranda erhaschen: Ohne Zweifel aßen sie dort die für sie menschentypischen Speisen. Dem Gelächter und Appetit nach zu urteilen muss ihnen das Essen sehr gemundet haben.
Die nächsten zwei Tage und Nächte ereignete sich viel. Die Männer, die offensichtlich eine sehr enge Beziehung zu den kleinen Leuten hatten, unternahmen eine Menge zusammen: Sie schwammen im See (zum Glück war das Wetter recht gut), saßen um das Lagerfeuer (ich habe nicht gehört, dass einer unserer Brüder dadurch versengt wurde), sangen gemeinsam, redeten viel, liefen nachts durch unsere Mitte und hatten eine Menge Spaß zusammen. Ich habe nicht viel davon mitbekommen, über was sie sich, vor allem bei ihren Versammlungen ums Feuer, unterhalten haben (es war die Rede von „verwegen unterwegs“), aber eines ist mir aufgefallen: Wie sie miteinander umgegangen sind. Es ist unsereins bekannt, dass die Menschenwesen sich oft gegenseitig das Leben schwer machen. Wir Holz- und Laubwesen müssen miteinander auskommen, wir können gar nicht anders. Doch diese Zweibeiner verhielten sich anders: Da war eine Herzlichkeit und Freude, Fürsorge und Geduld. Wie sagen die Menschenwesen dazu? Liebe? Genau das war es! Man konnte es sehen und spüren: Die hatten sich lieb! Wie sie miteinander umgingen und ihre Zeit verbrachten, war von herzlicher Liebe geprägt.
Wir waren, als sie am Sonntag aufbrachen und uns verließen, traurig. Lange noch rätselten wir, wer diese Leuten waren: Dann dämmerte es uns: Hallte nicht das Wort „Papa“ recht oft in unseren Astlöchern wider? Klar, Väter und ihre Kinder!
Das es so etwas heute noch gibt! Ob sie wohl wiederkommen? Schön wäre es.